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Erinnerung als Shared Heritage?

09.05.2019

Erinnerung und Kulturerbe in Deutschland und Israel: Erster Kulturdiskurs im Sommersemester 2019 am Mittwoch, 15. Mai, 18 bis 19.30 Uhr, mit Dr. Chava Brownfield-Stein, Israel


Unter „Erinnerungskultur“ wird der Umgang einer Gesellschaft mit Vergangenheit und Geschichte verstanden. Erinnerungskultur wirkt gemeinschaftsstiftend, da sie eine soziale Gruppe mit Vergangenheit, also mit einer mittels Gedächtnis geformten Geschichte versieht. In multiperspektivisch besetzten Kontexten und durchmischten Gesellschaften (Migration, Postkolonialismus, Multikulturalität) kann es indes zur Konkurrenz von kollektiver Erinnerung kommen, etwa, wenn bestimmte Ereignisse kontradiktorisch rezipiert werden.

 

Das wirkt sich auch auf den Umgang mit materiellem Kulturerbe aus: Auch wenn die UNESCO eine einheitsstiftende Konzeption des Kulturerbes „für die gesamte Menschheit“ vertritt, gibt es im Mit- und Nebeneinander des konkreten Besitzes durchaus Konflikte. Dem versucht das Konzept des „Shared Heritage“ entgegenzuwirken, das vorsieht, die Beteiligung an Deutungsprozessen von Kulturerbe gemeinsam zu vollziehen – und zu teilen. Ungeklärt bleibt dabei aber häufig die Frage, wem das Erbe juristisch gehört, wer also die Kontrolle und die institutionelle Deutungshoheit hat.

 

Eines der jüngsten Beispiele in Deutschland dafür ist die Debatte über den Umgang mit kolonialem Erbe und die geplante Dauerausstellung des ethnologischen Museums im neuen Humboldt Forum in Berlin. In Israel stehen sich israelische und palästinensische Erinnerung gegenüber. Der Annäherung an beide Ländersituationen und -diskurse war der erste Kulturdiskurs im Sommersemester am Mittwoch, 15. Mai, gewidmet, an dem sich  Studierende des Masterstudiengangs unter Moderation von Carl Postelmann und Jannila Laun mit der israelischen Dozentin Dr. Chava Brownfield-Stein über die Möglichkeiten und Grenzen des kulturpolitischen Konzepts „Shared Heritage“ in Israel austauschten.

 

Dabei wurde deutlich: eine völlige Vergleichbarkeit des deutschen und israelischen Beispiels ist nicht möglich. Denn während Deutschland in hinblick auf sein koloniales Erbe auf eine vergangene Periode schaut, ist der Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern um das Land und die damit verbundenen Ansprüche auf Deutung der Geschichte noch virulent. Dennoch konnte Dr. Brwonfield-Stein zeigen, welche Rolle gerade nicht politische Akteure wie Kunstvermitter einnehmen können, um Gespräche über die gemeinsame Vergangenheit zu initiieren und damit für eine zumindest diskursive Gemeinschaft zu sorgen, die aus dem Nachdenken über die jüngste gemeinsame Vergangenheit erwächst.


Foto: Sarah Schuhbauer


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