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Virtueller Parcours durch Sigmaringen

22.10.2019

Ein Studierendenprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Clemens Klünemann trägt Früchte: Ein virtueller Stadtspaziergang erinnert in Sigmaringen an Orte des Vichy-Regimes


Sigmaringen: Wer an die baden-württembergische Kreisstadt denkt, dem kommt vermutlich das Schloss als Burg der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen oder die barocke Stadtpfarrkirche in den Sinn. Doch auch in der jüngsten deutschen Geschichte spielte Sigmaringen eine signifikante Rolle. Vom 8. September 1944 bis zum 20. April 1945 war die Stadt mit ihren damals rund 5000 Einwohnern Sitz der französischen Kollaborationsregierung unter Philippe Pétain und beherbergte drei Botschaften, die von Paris gleich mit nach Sigmaringen gezogen waren: die italienische, die japanische und auch die deutsche Botschaft. An diesen Abschnitt deutscher Geschichte erinnert nun ein virtueller Parcours durch die Stadt, der seit kurzem auf der Seite www.erinnerungsort-sigmaringen.de/parcours abrufbar ist.

 

Den Anstoß zum Parcours gab ein Studierendenprojekt des Instituts für Kulturmanagement unter Leitung von Prof. Dr. Clemens Klünemann und in Zusammenarbeit mit Staatsarchiv Sigmaringen sowie dem Hohenzollerischen Geschichtsverein e.V.. Bei einer Veranstaltung am 14. Oktober in den Räumlichkeiten das Staatsarchivs – jenen Räumen, in denen einst auch die französische Regierung residierte - wurde der Parcours offiziell eingeweiht. Die Anwesenheit der Generalkonsulin der Französischen Republik Catherine Veber, der Landrätin Dr. Stefanie Bürkle und des Sigmaringer Bürgermeisters Dr. Marcus Ehm unterstrich die Unterstützung für dieses erinnerungspolitische Engagement.

 

Ziel des in den Jahren 2016 und 2017 konzipierten Projekts war es, diese eher dunkle Episode der deutsch-französischen Beziehungen sichtbar zu machen – um zu verhindern, dass die Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Kollaborateuren am Ende des Zweiten Weltkriegs in Vergessenheit gerät oder im Zeichen erneuter Kooperation nationalistischer Parteien aus Deutschland und Frankreich willkürlich interpretiert wird. Nach einem Recherchewochenende in der Stadt und einer Führung durch Dr. Otto Becker vom Sigmaringer Staatsarchiv verfassten die Studierenden erste Texte: zum Schloss, in dem Marschall Pétain und seine Entourage residierten, zur Wohnung und Praxis des Arztes und Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline, zum Prinzenbau als Sitz der Kollaborationsregierung, zur damaligen deutschen Botschaft und zu weiteren Gebäuden und Plätzen in Sigmaringen, die Schauplatz dieser merkwürdigen deutsch-französischen Zusammenarbeit waren. Erläuterungen zu diesen Orten sind nun im Parcours - hinter 20 Nummern und sieben Ziffern - hinterlegt.

 

Wer die Website aufruft und mit seinem Smartphone durch die Stadt geht, kann die Texte an Ort und Stelle nachlesen: ein Mehrwert, da keine Tafeln auf die einstigen Kontexte während des Vichy-Regimes hinweisen. Realisiert wurden Website und Parcours vom Hohenzollerischen Geschichtsverein e.V.. Er plant auch eine Audio-Version des Stadtspaziergangs sowie eine französische Version sämtlicher Texte.

 

 

Link zur Website: 

https://www.erinnerungsort-sigmaringen.de/parcours

 

Weitere Informationen:

Clemens Klünemann (2019): Sigmaringen. Eine andere deutsch-französische Geschichte. Berlin, 175 Seiten, 15,- Euro (ISBN 978-3-95757-783-2).

 

 

 

 

(Abbildung: Website)


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