Sigmaringens vergessene Geschichte

27.08.2016

Sigmaringen als französische Hauptstadt? Ein Projektseminar des Instituts für Kulturmanagement erkundet einen unbekannten deutsch-französischen Erinnerungsort


In Deutschland ist die Episode aus dem Winter 1944/45 nahezu unbekannt und in Frankreich interessieren sich für sie überwiegend gewisse Nostalgiker des Vichy-Regimes, das während des Zweiten Weltkriegs mit den deutschen Besatzern kollaborierte: Beim Rückzug aus dem besetzten Frankreich wurde die Regierung von Marschall Pétain ins schwäbische Sigmaringen gebracht und fungierte als legale Repräsentation Frankreichs – bis die Fassade formaler Legalität im April 1945 zusammenbrach. In den eher überschaubaren französischen Veröffentlichungen zu dieser dunklen Etappe der deutsch-französischen Beziehungen erscheint diese als tragikomisches Intermezzo und ferner Spuk.

 

Dabei bedeutet der Sigmaringer Aufenthalt der französischen Kollaborateure und ihrer deutschen Partner aus den vorausgegangenen vier Jahren wesentlich mehr: Ist Sigmaringen nicht im besten Sinne ein deutsch-französischer Erinnerungsort, insofern sich hier die dunkle Vorgeschichte, ja die Dämonen der deutsch-französischen Beziehungen manifestieren, die der Elysée-Vertrag von 1963 zu bannen versuchte – und die in einem auseinanderzubrechen drohenden Europa wieder lebendig werden können?

 

Das Projektseminar von Studierenden des Instituts für Kulturmanagement unter Leitung von Prof. Dr. Clemens Klünemann hat zum Ziel, den Besuchern von Sigmaringen die Episode des Winters 1944/1945 als Schlüssel zum Verständnis der deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu vermitteln und mit der Stadt Sigmaringen und dem Fürstenhaus Hohenzollern-Sigmaringen ein entsprechendes Konzept zu entwickeln: Denn ohne das Wissen um die deutsch-französische Begeisterung der zwanziger und dreißiger Jahre für die „faschistische Versuchung“ (Raymond Aron) bleibt von Sigmaringen tatsächlich nur ein ferner Spuk.

 

Text: Clemens Klünemann

Foto: Gabriele Loges


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