Kunst(theorie) ganz aus der Nähe

28.01.2017

Exkursion des Seminars "Kunsttheorie" in die Stuttgarter Staatsgalerie: Besuch im Marcel Duchamp-Bestand, des Raums von Joseph Beuys und von Julian Rosefeldts "Manifesto"


Was ist ein Original? Zumal, wenn es sich um ein Kunstobjekt handelt, das sich in eine besondere Beziehung zur Alltags- oder zur Kunstwelt setzt? Mit diesem Fragen beschäftigte sich das Seminar "Kunsttheorie" anhand von Texten. Eine Exkursion in die Stuttgarter Staatsgalerie machte den Zusammenhang von Reflexion und künstlerischer Praxis jetzt anschaulich. Drei Künstler und ihre Theorie wurden dabei besonders fokussiert: Marcel Duchamp, Joseph Beuys und Julian Rosefeldt.

 

Gastgeberin der Exkursion war Dr. Susanne Kaufmann, Mitarbeiterin der Stuttgarter Staatsgalerie und Leiterin des Forschungsprojekts "Erschließung des Bestandes zu Marcel Duchamp". Wie kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts, so machte die Wissenschaftlerin deutlich, beeinflusste Duchamp andere Künstler. Die Werke und Schriften des Erfinders des "ready-made" und Vordenkers der Konzeptkunst haben bis heute nicht an Bedeutung verloren. Dr. Susanne Kaufmann, die nicht nur für die Erschließung und Erforschung des Bestandes, sondern auch für eine im Jahr 2018 geplante Ausstellung verantwortlich ist, zeigte im Vortragssaal der Graphischen Sammlung einige ausgewählte Kunstwerke und Stücke des Bestandes, etwa eine Graphik des berühmten "Fountain"-Pissoirs oder der "Schachtel im Koffer" (1941/66, Serie F).

 

Der Besuch des so genannten "Beuys"-Raumes in der Ständigen Ausstellung der Staatsgalerie machte im Anschluss ein ganz anderes Künstlerkonzept plastisch: jenes des "energetisch aufgeladenen Raumes". Die Vergänglichkeit der Materialien, aber auch der Beuys'sche Kunstbegriff von Materie und deren künstlerischer Formung durch (soziales) Handeln prägen das Konzept dieses 1984, zur Eröffnung der Neuen Staatsgalerie, vom Künstler noch selbst eingerichteten Raums - zwei Jahre vor Beuys' Tod. Mit seinem Willen zu einer vormodernen Mythologie und (individueller) Transzendenz einerseits und mit der bewussten Konstruktion der eigenen (Werk-) Biografie andererseits bewegt sich der einstige "fluxus"-Künstler Beuys zwischen den Kunsttheorien der Moderne und der Postmoderne. 

 

Was aber blieb von jenen Künstler-Manifesten, die am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden, und deren Urheber einst glaubten, die Gesellschaft verändern zu können? Nicht viel, wenn man dem Künstler Julian Rosefeldt glauben darf. Er las die Manifeste und attestierte dem postulierten Willen zur Gestaltung der Gesellschaft mittels Kunst nurmehr historischen Charakter. Die eigentliche Qualität der Texte sah der Videokünstler in der verbalen Ästhetik, ihrer Rhetorik. Sie konfrontierte er in seiner Videoinstallation "Manifesto" in 13 Kurzfilmen mit Kontexten der Gegenwart; dabei konfligieren die gehörten Passagen aus den Manifesten, vorgetragen von der Schauspielerin Cate Blanchett, merkwürdig mit den gesehenen Szenen - eine postmoderne, ironische Brechung und zugleich eine Reflexion der Kunst auf die eigene Selbsteinschätzung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Julian Rosefeldts Videokunst wurde von der Staatsgalerie für die Sammlung gekauft und derzeit im Sonderausstellungsraum des Museums zu sehen. 

 

Foto: Ch. Dätsch

 

 


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