Literarisches Erbe ist vernetzt

07.07.2017

Seminar "Literaturbetrieb" im DLA Marbach: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gaben einen profunden Einblick in die Arbeit am literarischen Erbe - in der Region und weltweit


Wer Kultur sagt, meint auch Literatur. Unter den Formen des deutschen Kulturbetriebs ist der Literaturbetrieb einer der vielfältigsten: Mit Autoren, Verlagen, Literaturagenten und Buchhändlern agiert er traditionell im Bereich des Kommerziellen. Diese Seite wird, zumal im literarisch geprägten deutschen Südwesten, von Institutionen des kulturellen Gedächtnisses ergänzt, die sich der Bewahrung, aber auch der Vermittlung des literarischen Erbes widmen. Zu ihnen gehören Bibliotheken, Archive und Gedenkstätten.

 

Meist sind diese Einrichtungen im öffentlichen oder sogenannten dritten Sektor angesiedelt. Einige von ihnen haben nationale und internationale Strahlkraft, so wie etwa das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars "Literaturbetrieb" an ihrem dritten Seminartag genauer kennen lernten - dank der Bereitschaft zahlreicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Einblicke in ihre Arbeitsgebiete zu geben (Leitung: Dr. Christiane Dätsch). Im Mittelpunkt standen Fragen wie jene einer literarischen Topografie der Erinnerung im deutschen Südwesten: Dr. Thomas Schmidt, Leiter der Arbeitsstätte für Literarische Gedenkstätten, Archive und Museen" (AliM) führte in die Arbeit dieser direkt dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium unterstellten Abteilung ein und erläuterte die Funktion von Dichterhäusern als konkretes wie symbolisches kulturelles Erbe für zahlreiche kleinere Gemeinden und Städte. Was genau man unter literarischem Erbe verstehe, so Schmidt, habe zudem direkte Auswirkungen auf die Konzeption jener Ausstellungen, die im Sinne einer authentischen Erinnerungskultur in den Häusern gezeigt werden sollen.

 

Magdalena Schanz, stellvertretende Leiterin der Abteilung Museen, führte anschließend durch die Dauerausstellungen des Schiller National-Museums und des Literaturmuseums der Moderne und gab Einblicke in ihre Tätigkeiten als Fundraiserin und Vermittlerin. Dr. Sonja Arnold, zuständig für eines der jüngsten Projekte des DLA, das internationale Erschließungs- und Vernetzungsprojekt "Global Archives", machte deutlich, wie zentral der Faktor Sprache für den (post-)modernen Begriff der Weltliteratur nicht nur in einem ästhetischen, sondern auch in einem kulturellen Sinne ist: So wie das materielle Erbe der Weltkultur heute universell begriffen wird, so lässt sich der Begriff der Weltliteratur kaum anders denken als vernetzt: Das trifft - im Sinne der Intertextualität - nicht nur auf die Werke selbst zu, sondern auch auf die materiellen Zeugnisse von Autoren, deren Nachlässe durch Exil oder Vertreibung häufig in anderen Teilen der Welt lagern. Ihren Aufbewahrungsort zu erfahren, die erhaltenen Dokumente zugänglich zu machen und zudem weltweit über sie zu kommunizieren, sind einige Ziele des Projekts.

 

Wie konkret eine solche Wanderschaft von Autorenbesitz aussehen kann, machte Dr. Susanna Brogi, Leiterin der Abteilung Bilder und Objekte des DLA, anhand der Autorenbibliothek von Larl Lieblich (1895-1984) sichtbar: Ähnlich wie die Migrationsbewegung des Autors verlief auch jene seiner Bibliothek. Die hinterlassenen Spuren, Anstreichungen oder Einleger verraten eine Wissensordnung, die das (vernetzte) Denken des Besitzers anschaulich, möglicherweise sogar rekonstruierbar macht.

 

Dass ein solides fachliches Fundament, in Kombination mit kulturmanagerialen Fähigkeiten, eine gute Voraussetzung bildet, um beruflich zum Erhalt des kulturellen (literarischen) Erbes beizutragen, wurde an diesem letzten Seminartag deutlich. Und auch: Man muss für seine Aufgaben "brennen". Der Literaturbetrieb bietet dafür zahlreiche Ansatzpunkte.

 

 

Foto: Vor dem Literaturmuseum der Moderne in Marbach (Franziska Rauch)


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