Frank Pryszbilla

Geschäftsführer Pasinger Fabrik

Lieber Herr Przybilla, als Geschäftsführer der Pasinger Fabrik GmbH stehen Sie einem soziokulturellen Zentrum vor, das verschiedene kulturelle und soziale Initiativen unter einem Dach vereint. Worin besteht die Herausforderung?


Das ganz besondere an der Pasinger Fabrik ist ihre für München einzigartige Konzeption, welche den etablierten Kulturbetrieb mit eigenen Opernproduktionen, mit monatlich wechselnden Ausstellungen in unseren großen Galerieräumen sowie Theateraufführungen und Konzerte beinhaltet. Auf der anderen Seite wird das Haus auch durch Einrichtungen des Sozialreferates der Landeshauptstadt München bevölkert: so sind zum Beispiel im Haus zwei Eltern-Kind-Initiativen, die Paritätische Familienbildungsstätte „Fabi“, die Kinder- und Jugendkulturwerkstatt oder aber auch eine Einrichtung der Straßensozialarbeit angesiedelt. Rund um die Uhr pulsiert das Haus, tagsüber sind es die Kinder, welche das Haus in Besitz nehmen, am Abend die Gäste unserer Veranstaltungen oder der Gastronomie – ganz im Sinne des Begriffs „Kultur für alle“.


Dass die in ihrer Arbeit teilweise doch recht unterschiedlich ausgerichteten Einrichtungen nicht isoliert für sich arbeiten, sondern das gesamte Haus mit seinen Besonderheiten und Möglichkeiten als Chance verstehen und diese auch nutzen, darin liegt der besondere Reiz unserer Arbeit, und ich denke letztlich auch der besondere Charme der Pasinger Fabrik. Immer wieder werden neue Brücken geschlagen zwischen den verschiedenen Bereichen des Hauses und externen Partnern, seien dies Einzelpersonen oder Institutionen, um die gesetzte Thematik möglichst facettenreich und vor allem tief greifend zu erörtern.


Nehmen wir zum Beispiel die Opern: Neben dem regulären Spielplan veranstalten wir gemeinsam mit der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt jährlich die so genannte Klassikwerkstatt, bei der (in Zusammenarbeit mit den Münchner Schulen) Kinder in speziell konzipierten Aufführungen mit viel Spaß und Freude an klassische Musik herangeführt werden. Und ich bin überzeugt, dass sich dieser Einsatz lohnt und viele unserer kleinen Gäste in einigen Jahren auch unsere „großen“ Opern besuchen werden. Oder nehmen wir das Beispiel Ausstellung: auch hier wird einmal im Jahr ein  gesellschaftlich wichtiges Thema behandelt, sei dies Essstörungen bei jungen Frauen, Obdachlosigkeit, Erinnerungskultur etc. Auch hier wird das Thema über alle Sparten hinweg aufgegriffen, in unseren Ausstellungen, bei Diskussionen, Vorträgen, Theaterproduktionen, in Konzerten und Lesungen aber auch Filmen.  Und dies mit möglichst vielen verschieden Partnern, die in dem Bereich tätig sind und für das jeweilige Projekt darum bereichernd sind.



Die Pasinger Fabrik beheimatet „Münchens kleinstes Opernhaus“. Worin unterscheidet sich dieser Ort von den großen Opernhäusern der bayerischen Landeshauptstadt?


Zunächst einmal durch den Rahmen: bei "Tosca" gibt es nur 150 Sitzplätze, wobei die Gäste zu viert an Bistrotischen sitzen, an welche die Gastronomie des Hauses Getränke und in der Pause auch Essen serviert. Oder auf den Punkt gebracht: Sie können mit Freunden an einem Tisch sitzen, die Oper genießen und sich darüber hinaus an einem Glas Rotwein erfreuen. Kein Orchestergraben trennt den Zuschauerraum von der Bühne und so sitzen die Zuschauer unmittelbar und mitten im Geschehen der Opern. Das ist das, was wir wollen: Oper, das ist in Pasing nicht das abgehobene Zelebrieren von Hochkultur, Oper ist hier mitreißendes, unmittelbares und höchst intensives Musiktheater.


Alle Opern werden in einer eigens für Münchens Kleinstes Opernhaus erstellten Fassung gespielt: Gesungen wird grundsätzlich auf Deutsch – schließlich soll man mit den Stücken lachen und sich in die Konflikte hineinfühlen können. Größten Wert legen wir auf die musikalische Gestalt unserer Opern. Ein völlig neu erstelltes Arrangement ist der Garant dafür, dass die klassischen Meisterwerke auch in reduzierter Form im – vergleichsweise – kleinen Raum nichts von ihrer Durchschlagskraft und Genialität verlieren. Mit Streichquintett, Bläsersatz und manchmal auch dem einen oder anderen Farbtupfer, etwa von Marimbaphon, Akkordeon oder Tankdrum, gewinnen die Partituren meist deutlich an Transparenz. Oft erschließt sich das Werk dem Publikum in dieser kammermusikalischen Version sogar besser als im klangmächtigen Original.


Eine entscheidende Grundlage dieses transparenten Klangs ist das Orchester des kleinsten Opernhauses Münchens. Durch das langjährige, kontinuierliche Zusammenspiel konnte dieses Ensemble aus Profimusikern, die teils in anderen Orchestern engagiert sind, teils in der freien Szene arbeiten, sich zu einem geschlossenen Klangkörper mit ganz eigener Spielkultur entwickeln. Der musikalische Leiter unseres Opernbetriebs, Andreas Pascal Heinzmann, schrieb unlängst zu der Konzeption unseres Musiktheaters folgendes: „Meine Vision, aus der großen Form eine Kleine zu erstellen, unter Beibehaltung der großen emotionalen und musikalischen Komponente ist das Leitmotiv unserer künstlerischen Arbeit. So ist die Erweiterung unseres Repertoires eine logische Konsequenz des bisherigen erfolgreichen Weges. Ob in einer Komödie, oder einem Drama, erzählte Wirklichkeit bleibt der Weg.“

 

Ein  Blick in die Zukunft aus der Perspektive eines erfahrenen Kulturakteurs: Welche Aufgaben warten auf die Kulturmanager und Kulturmanagerinnen von morgen?


Eigentlich nur schöne und vor allem spannende Aufgaben! So haben zum Beispiel über die Hälfte der Menschen hier in München unter 18 Jahren einen Migrationshintergrund. Das ist eine Veränderung unserer Gesellschaft, auf die immer stärker eingegangen werden muss, wenn unsere kulturellen Einrichtungen nicht an der Entwicklung unserer Gesellschaft vorbei ein einsames Leuchtturmdasein fristen wollen. Die Pasinger Fabrik arbeitet in diesem Feld schon an Konzepten, persönlich freue ich mich dies in der Zukunft noch stärker zu tun dürfen. Letztlich wird es immer Aufgabe der Kultur sein, auf Entwicklungen zu reagieren, Positionen zu beziehen. Ein lebendigeres Umfeld als die Kulturarbeit kann es nach meiner Überzeugung somit eigentlich nicht geben!


Die Fragen stellte Dr. des. Yvonne Pröbstle

Foto: privat