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"Kultur ist kein dekoratives Element"
19.03.10 16:30
Alter: 2 yrs




Tübinger Gespräche über den kulturellen Wandel



Wie geht eine Stadt, die in den 1970er und 80er Jahren eine florierende Kulturszene aufgebaut hat, mit den veränderten Ansprüchen der Kulturnutzer um? Wie kommen Kulturveranstalter, die mit dem Anspruch der „Achtundsechziger“ groß geworden sind, mit der neuen Studentengeneration klar? Wie moderiert ein Kulturamt zwischen Politik, Kulturschaffenden und dem Publikum?

Antworten auf diese Fragen wollten die Studierenden des Ludwigsburger Instituts für Kulturmanagement in Tübingen finden. Unter der Leitung von Dr. Petra Schneidewind und Ekkehard Jürgens verbrachten die angehenden Kulturmanager zwei kompakte Tage in der Unistadt am Neckar. In Hintergrundgesprächen befragten sie die Verantwortlichen von sechs verschiedenen Kultureinrichtungen. Der institutionelle Querschnitt durch die altehrwürdige Stadt führte vom Kulturamt über die Kunsthalle, das Schloss Hohentübingen, den Club Voltaire und das Landestheater bis hin zum Programmkino. Vier Stationen sollen im Folgenden etwas genauer beschrieben werden.

Fachbereich Kultur und Kunsthalle

Daniela Rathe steht seit einem Jahr als Leiterin des Fachbereichs Kultur im Dienst der Universitätsstadt Tübingen. Man gewann den Eindruck, sie sehe sich einer kulturpolitischen Großbaustelle gegenüber. Ungebrochen ist ihr Engagement für eine Modernisierung des kulturellen Lebens. Eine Vision für die Stadt habe sie bisher noch nicht formulieren können, so Daniela Rathe. Zunächst sei es wichtig, eine umfangreiche Bestandsaufnahme der Kulturszene zu realisieren und Handlungsfelder zu bestimmen. Dass sich Neuerungen auch mit der Elle der Gewohnheit messen lassen müssen, daraus machte die Fachbereichsleiterin kein Geheimnis. Schließlich gehe es immer auch um einen zweckmäßigen Mitteleinsatz. Kultur dürfe „nicht als ein dekoratives Element“ verstanden werden, – erst recht nicht in einer Stadt wie Tübingen.

In der Kunsthalle Tübingen diskutierten die Studierenden mit dem neuen geschäftsführenden Kurator Daniel Schreiber. Inhaltlich ging es um die Bedeutung des Ausstellungshauses für die Stadt, ihre Bewohner und Besucher. Die Kunsthalle genoss in den vergangenen Dekaden große nationale wie internationale Reputation. Dabei war sie stets auf das Engste mit dem Namen Götz Adriani (Direktor von 1971 bis 2005) verknüpft. Die Besucherströme sind im Laufe der Zeit abgeebbt und das Ausstellungshaus wegen seiner peripheren Lage etwas in Misskredit geraten. Nun versucht Schreiber mit viel Geschick, die Hypothek der Vorurteile gegen das Haus abzutragen. Aktuell ist in der Kunsthalle Mel Ramos zu sehen, ein Hauptvertreter der Pop-Art, der seinen Bildern durch eindeutige Formensprache eine gewisse Aufmerksamkeitsgarantie beschert. Schreiber nimmt alle Mitarbeiter der Kunsthalle in die Pflicht. Er hängt nicht der ruhmreichen Vergangenheit nach, sondern blickt nach vorne. Dabei legt er großen Wert auf die Servicestruktur im Ausstellungshaus und schafft Zusatzangebote wie zum Beispiel in der Museumspädagogik.

Landestheater und Programmkino

Im Landestheater hat man mit neuen Formaten wie Late-Night-Programmen die Studierenden der Stadt längst für sich gewinnen können, wie Julia Feigl, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, berichtete. Die Zielgruppe der jungen Akademiker wird direkt angesprochen. Das Theater ist ein gut funktionierender Betrieb inmitten des Tübinger Wohngebiets. 1.700 Abonnenten schenkten dem Landestheater ihr Vertrauen, verriet Simone Sterr, die Intendantin des Hauses.

Im Kino Arsenal ist ein Genre beheimatet, das eng mit Tübingen verbunden ist: der Film. Seit 35 Jahren leitet Stephan Paul das Programmkino und den Filmverleih. Studenten könne er kaum mehr in das Programmkino locken. Die Sehgewohnheiten hätten sich zunehmend verändert. Ferner hat sich der Film, als Leitmedium der Gegenwart, längst von seinem angestammten Medium entkoppelt. Download, DVD und Heimkinoanlagen machen den Gang ins Kino überflüssig. Der atmosphärische  Raum Kino fände hier nur noch Zuspruch bei den „Silver Agern“, erklärte Paul.

Die Hintergrundansichten haben den künftigen Kulturmanagern deutlich gemacht, dass eine ein Mal geschaffene Struktur nicht dauerhaft bestehen kann. Kultur ist wandelbar, und die Kulturarbeit muss sich dem Rhythmus der Veränderungen anpassen.

Thomas Meurer








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