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Vom Critical Turn in der Kunst

12.07.2018

Zu Gast mit einer ERASMUS+-Austauschdozentur am Institut für Kulturmanagement: die Kunstsoziologin Dr. Dalya Markovich vom Beit Berl College, Israel


Kunst und Politik sind Äußerungsformen, die sich ergänzen, kritisieren oder bekämpfen können – je nach Gesellschaftsform, Offenheit des Diskurses und Wahl der Mittel. Einen Gegendiskurs zu gängigem administrativen und politischem Verhalten gestalten nicht nur in Europa, sondern auch in Israel politisch denkende und aktivistisch agierende Künstler, indem sie auf Missstände hinweisen und ungelöste Probleme - Migration, Wohnraum oder politische Selbstbestimmung – thematisieren.

 

Über den „Critical Turn – Art projects for Social Change in Israel“ sprach Im Rahmen einer ERASMUS+-Austauschdozentur jetzt die Kunsthistorikerin und -soziologin Dr. Dalya Markovich, Dozentin am Beit Berl College in Kfar Saba, Israel, im Institut für Kulturmanagement. Im Seminar Bildhermeneutik (Leitung: Prof. Dr. Hubert Sowa) stellte sie vier Projekte junger israelischer Kunstaktivisten vor, die Einblicke in kritische Kunstrichtungen des Landes gaben.

 

Leere, verlassene oder vernachlässigte Räume: Das sind die Objekte des nichtkommerziellen Künstlerkollektivs „Empty House“. Von 2011 bis 2017 okkupierte es in Jerusalem Räume, die niemanden mehr zu interessieren schienen, und setzten sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit wieder instand  – unterstützt von einer Gruppe Freiwilliger, die das Künstlerkollektiv für jedes Projekt eigens rekrutierte. Nach getaner Arbeit wurde der Ort wieder verlassen; an eine eigene Nutzung war nie gedacht, sondern stets nur an die Rückgabe dieser Orte an die offene Gesellschaft.

 

Einen anderen Ansatz verfolgt der israelische, in Jena ausgebildete Künstler Ronen Edelman, der mit seiner Kunst aufrütteln, auch schockieren möchte. Markovich stellte ein Werk des Künstlers aus dem Jahr 2007 in Jena vor, in dem Edelman Abwasserkanäle mit Licht ausstattete und Fotografien illegaler Migranten hinter den Stäben der Kanaldeckel anbrachte. So entstand eine Art Porträtgalerie im öffentlichen Raum, die nur gebückt betrachtet werden konnte und zugleich auf ein drängendes menschliches Problem aufmerksam machte: de Unsichtbarkeit von Migranten, die aufgrund ihres Status nicht am Gesellschaftsleben teilnahmen.

 

Markovichs Ausführungen erregten Fragen bei den Studierenden: Was sagen die Eigentümer der Häuser zu solchen kritischen Kunstaktionen? Warum bezahlt die Stadt Jena einem Künstler den Strom für die Ausleuchtung von Kanälen, obwohl er Unbequemes vorhat? Was bewirken solche Kunstprojekte, und was bewirken sie speziell in der israelischen Gesellschaft? Auch darauf wusste die Dozentin Antworten: Eine so diverse und heterogene Gesellschaft wie die israelische beginnt, zumindest in bestimmten Kreisen, darüber nachzudenken, welchen Werten sie sich verpflichtet fühlt.

 

Mit Dalya Markovichs Vortrag am Institut fand zugleich ein Gegenbesuch statt, dem eine Kurzdozentur von Dr. Christiane Dätsch in Beit Berl vorausgegangen war. Der Austausch ist in die strategische Partnerschaft eingebettet, die die PH Ludwigsburg mit Beit Berl seit Jahren pflegt. 


Foto: Dr. Dalya Markovich (Mitte) mit (v.l.n.r.) Dr. Christiane Dätsch, Prof. Dr. Hubert Sowa und Prof. Dr. Thomas Knubben (Aufnahme: Arne Draheim)


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